Lebendige Straßen durch Shared Space

Administrator (admin) on 17.04.2013

Neues Netzwerk will Shared Space-Konzept voranbringen

Am Rande der BUVKO, der Mitte März 2013 in Berlin stattfand, fand auch die erste Veranstaltung des neu gegründeten Netzwerks Shared Space statt.

Die Vorträge von Markus Franke, Thomas Schweizer und Dieter Schwab finden Sie hier.

Ein Resümee
Die Realisierung von Shared Spaces stellt insgesamt einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Nahmobilität dar und unterstützt somit Städte und Kommunen bei ihrem Wandel hin zu einer "Stadt der kurzen Wege".

Am Rande der BUVKO, der Mitte März 2013 in Berlin stattfand, fand auch die erste Veranstaltung des neu gegründeten Netzwerks Shared Space statt. Rund 30 Interessierte trafen sich am späten Samstagnachmittag, um zum einen zu hören, wie sich die Situation in Deutschland, im benachbartem Österreich wie auch in der Schweiz darstellt, aber auch um sich kritisch mit der Situation in Deutschland auseinanderzusetzen.

Markus Franke, Sprecher des AK Straßenraum berichtete aus Hamburg, Dieter Schwab, Geschäftsführer des österreichischen Vereins für FußgängerInnen aus Österreich und Thomas Schweizer, Geschäftsführer des Schweizer Fußverkehrsverband, stellte aktuelle Beispiele aus der Schweiz vor.

Immer wird deutlich: Shared Space ist ein Schritt hin zu einem entspannten Miteinander Aller im Verkehr. Die Grundidee: Auf Verkehrsschilder und Ampeln wird weitestgehend verzichtet. Stattdessen wird auf eine Straßengestaltung gesetzt, welche zu einem niedrigen Geschwindigkeitsniveau führt. Dies ist die Voraussetzung, dass die Rücksichtnahme und das Miteinander der Verkehrsteilnehmenden und die Aufenthaltsqualität verbessert werden kann. In vielen Städten in Europa finden sich unter unterschiedlichen Labeln Plätze und Straßen nach dem Prinzip "Shared Space", die gestalterische und rechtliche Ausführung sind jedoch oft unterschiedlich. Denn Shared Space liest sich nicht wie eine eindeutig formulierte Gebrauchsanweisung, sondern ähnelt vielmehr einem multimodalen Werkzeugkoffer. So kann und muss individuell entschieden werden, welche Gestaltung zur jeweiligen Situation passt.

Viele gute Beispiele in Deutschland und Europa

Die Strömung hat bisher noch nicht ganz Europa mitreißen können. Vielmehr gleicht sie einer nur langsam größer werdenden Welle, da gerade der stark regulierte Verkehrsbereich sich schwer tut, neue Wege zu gehen und mit Hilfe niedrigerer Geschwindigkeiten die Regulierungsdichte zu Gunsten einer Selbstverantwortung zu reduzieren und auf Kommunikation und indirekte Lenkung zu setzen.

Aber: Die Zahl der neuen Beispiele in Europa ist inzwischen dreistellig – auch wenn man die vielen historischen Altstädte mit Plätzen im Mischverkehr unberücksichtigt lässt. In den Niederlanden, wo das Konzept vor 20 Jahren von Hans Mondermann initiiert wurde, haben inzwischen viele Städte ihre Straßen mit Hilfe von Shared Space zu mehr Leben verholfen. Allein in den niederländischen Provinzen Leeuwarden und Groningen sind es inzwischen über 30 meist ländliche Projekte, die teilweise auch Gegenstand der Wirkungsforschung waren. In Frankreich koordiniert eine staatliche Stelle 80 Kommunen mit entsprechenden Projekten. Im Olympiajahr 2012 ging die Londoner Exhibition Road, ein großzügiger Shared-Space-Raum der Museumsmeile, durch die Architekturzeitschriften.

In der Schweiz werden seit ca. 10 Jahren auf Plätzen und in Geschäftsbereichen Begegnungszonen eingerichtet. Hier auch unterstützt vom örtlichen Einzelhandel, der die Erfahrung gemacht hat, dass Menschen sich in ansprechend und qualitätsvollen Straßenräumen länger aufhalten und dann auch eher einkaufen. Bereits vor dem EU-Projekt Shared Space hatte sich die kleine Schweizer Stadt Burgdorf die seit den 1980er Jahren praktizierten Fußgängervorrangbereiche der Stadt Chambéry in den französischen Alpen abgeschaut und als Pilotprojekt zum Flanieren mit einfachen Mitteln umgesetzt, um den lokalen Einzelhandel zu stärken. Die Burgdorfer Erfahrung des Prinzips Shared Space wurde dann vor 10 Jahren als sog. Begegnungszone in die Schweizer Straßenverkehrsordnung aufgenommen.


Nach der Schweiz, Belgien und Frankreich besteht mit Österreich, dem vierten Nachbarland Deutschlands, seit April 2013 auch die Möglichkeit Begegnungszonen anzuordnen. Aber auch hier gibt es schon heute viele Straßen und Plätze, die nach dem Prinzip "Shared Space" funktionieren und gut angenommen werden. Nun haben Kommunen eine bessere Regelung an der Hand, an ihren öffentlichkeitswirksamen Plätzen und Straßen Kfz-Verkehr und lebendige Straßenraumnutzung „unter einen Hut“ zu bekommen. Die Prinzipien sind einfach:
Menschen dürfen im gesamten Straßenraum bevorrechtigt unterwegs sein, aber andere Verkehrsteilnehmer nicht behindern. Parken ist nur in extra markierten Flächen erlaubt. Tempo 20 km/h, damit das entspannt funktioniert. 
Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Beispiele für die Mischung der Verkehrsarten – auch bevor es den Begriff Shared Space gab. Über die Frage, ob das blaue Schild „Verkehrsberuhigter Bereich“ - 1980 in die dt. StVO eingeführt, allerdings oft irrtümlich "Spielstraße" genannt - mit Schritttempo auch bei stärker Kfz-belasteten Straßen aufgestellt werden darf oder nur der „Verkehrsberuhigte Geschäftsbereich“ mit Tempo 20 oder 30, jedoch mit eingeschränkten Fußgängerrechten nach §25 (3) StVO – hierüber streiten sich allerding Rechtsdogmatiker und Planungspraktiker anhand der Verwaltungsvorschrift zur neuen StVO. In der Praxis funktioniert beides prima, wenn die bauliche Gesamtgestaltung, deutlich macht, dass Autofahrer unter den zu Fuß gehenden „zu Gast sind“ und daher wie selbstverständlich langsam fahren. Auch im verkehrsberuhigten Geschäftsbereich bewegen sich dann die Menschen  intuitiv frei und werden vom Autoverkehr nicht zur Seite gehupt.
In inzwischen über 40 Kommunen - große wie z.B. Duisburg und kleinere wie z.B. Brühl -, wurden Gestaltungen nach dem Shared Space-Prinzip bereits umgesetzt.
Das Netzwerk will Kommunen unterstützen
Kommunen muss vorab klar sein, dass Shared Space ein Neudenken erfordert - sowohl bei der Bürgerbeteiligung als auch bei der Raumgestaltung. In vielen Kommunen scheitert es oft genau an diesem Punkt. Das Interesse ist da, doch fehlt es ihnen an fachkundiger Unterstützung. Aus diesem Grund wurde nun das Netzwerk Shared Space ins Leben gerufen, in dem sich der ökologische Verkehrsclub VCD, die Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung SRL, der Fachverband Fußverkehr FUSS e.V. und der Radfahrerverband ADFC für ein gleichberechtigtes Miteinander im Straßenverkehr stark machen.Ziel des Netzwerkes ist es, Kommunen zu ermutigen, den Shared Space-Gedanken aufzugreifen. Überall dort in Stadt und Dorf, wo ein hoher Anteil an Fuß- und Radverkehr herrscht, viele Menschen die Straße queren, mehr Platz für Aufenthalt sein soll und wo man trotzdem nicht auf den Autoverkehr verzichten will oder kann. Gut dokumentierte Planungsbeispiele sollen Möglichkeiten aufzeigen, wie das Konzept umgesetzt werden kann. Darüber hinaus werden der Austausch und die Vernetzung von Kommunen gefördert.
Das Shared Space-Netzwerk beschränkt sich allerdings nicht nur auf das Aufzeigen von Beispielen. Gleichermaßen will es die öffentliche Diskussion und die wissenschaftliche Forschung voranbringen. In Deutschland wird bisher kontrovers diskutiert, welche Auswirkungen Shared Space auf die Verkehrssicherheit hat - hier gilt es insbesondere den Diskurs mit den Behinderten-, aber auch mit den Kinderschutzverbänden zu führen und inwieweit das Konzept mit festgelegten Tempolimits einhergehen muss. In diesem Zusammenhang steht auch die Frage einer verkehrsrechtlichen Regelung: Während es z.B. in der Schweiz, Frankreich und Österreich die Möglichkeit der Begegnungszone gibt, die auch auf stärker belastete Straßen eingerichtet werden kann, fehlt in Deutschland eine entsprechende Regelung in der StVO bisher. Die Ausweisung von Verkehrsberuhigten Bereichen an Hauptverkehrsstraßen als einzige Möglichkeit um die gewünschte Gleichberechtigung von Fuß-, Rad- und Kfz-Verkehr auch durch die Beschilderung verdeutlichen -  wird von den Straßenverkehrsbehörden oft kritisch gesehen (s.o.). Desweiteren regt das Netzwerk Diskussionen an, die in Deutschland gegenwärtig nur in ersten Ansätzen geführt werden: in Großbritannien ist die Shared Space-Diskussion beispielsweise stark mit architektonischen Aspekten verknüpft. Und über die sozialen Wirkungen - Stichwort Inklusion - wird derzeit in Skandinavien geforscht. Wunsch des Netzwerk ist eine intensive Diskussion auch dieser Aspekte in Deutschland.
Diese Themen sollen Schwerpunkt der Tagung "Gestaltung verbindet" sein, die für den 10. September als Vorkonferenz der „WALK21-Munich – XIVth Conference on Walking and Liveable Communities“ (www.walk21munich.com) in München konzipiert ist. Das Netzwerk will mit der Vorkonferenz Personen aus Architektur- und Planungsbüros, aus dem Citymanagement, Energieagenturen und Public-Health-Organisationen auch die Gelegenheit zum fachlichen Austausch bieten.
Ein Resümee
Die Realisierung von Shared Spaces stellt insgesamt einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Nahmobilität dar und unterstützt somit Städte und Kommunen bei ihrem Wandel hin zu einer "Stadt der kurzen Wege".
Fakt ist, Shared Space ist vielfältig und lebendig: Es schafft nicht nur neue, lebendige Planungs- und Diskussionsprozesse, sondern erzeugt auch öffentliche Räume voller Leben. Orte, an denen sich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt aufhalten können. Dies zu fördern ist erklärtes Ziel des neuen Netzwerkes. Damit es zukünftig noch mehr Plätze in unseren Städten und Dörfern gibt, an denen es Spaß macht, Rad zu fahren, zu Fuß zu gehen, zu spielen, zu verweilen oder entspannt und gelassen mit dem Auto unterwegs zu sein. Kurz: Plätze, die voller Leben sind!
Erste Projektportraits und Hintergrundmaterialien finden sich hier. Die Projektdatenbank wird fortlaufend ergänzt und erweitert. Lebendig wird das Netzwerk jedoch vor allem, wenn sich viele engagierte Unterstützer finden, die die Shared Space-Idee weitertragen und das Netzwerk unterstützen. Gerne können Sie den Kontakt zu uns aufnehmen über info@netzwerk-sharedspace.de
Katalin Saary, Sprecherrat FMV und Vertreterin für die SRL im Netzwerk Shared Space

Neuere Themen:

"Gestaltung verbindet" - Fachtagung zur Straßenraumqualität
Vorkonferenz zur Walk21 in München am Dienstag, den 10. September 2013

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Neues Netzwerk will Shared Space-Konzept voranbringen

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Die Vorträge von Markus Franke, Thomas Schweizer und Dieter Schwab finden Sie hier.

Ein Resümee
Die Realisierung von Shared Spaces stellt insgesamt einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Nahmobilität dar und unterstützt somit Städte und Kommunen bei ihrem Wandel hin zu einer "Stadt der kurzen Wege".

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"Gestaltung verbindet" - Fachtagung zur Straßenraumqualität
Vorkonferenz zur Walk21 in München am Dienstag, den 10. September 2013